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Musik, die atmet …

Drei Jahrzehnte L’Orfeo Barockorchester mit Michi Gaigg und Carin van Heerden im Porträt

Wo L’Orfeo erklingt, wird Musik zur Sprache, zum Dialog, zur Forschungsreise. „Man hört ein Orchester im Radio und weiß sofort: das ist L’Orfeo!“ – dieser Satz ist in der Szene längst zum geflügelten Wort geworden und beschreibt ein Phänomen, das weit über stilistische Kennzeichen hinausgeht. Das Orchester und seine beiden Gründerinnen, Michi Gaigg (Violine) und Carin van Heerden (Blockflöte, Oboe), haben über drei Jahrzehnte eine Klang-DNA geschaffen, in der Neugier, Präzision und mutige Kreativität aufeinandertreffen: eine musikalische Heimat, immer wieder neu gedacht, fortgeschrieben und geprägt von einem Ensemblekern, der Kontinuität und Erneuerung vereint. Im Jahr 2026 feiert L’Orfeo sein 30-jähriges Bestehen.

Von „Glockentönen“ und musikalischer Rede

„Unsere Musik erzählt Geschichten, darin sehe ich selbst das Herzstück unserer Arbeit“, betont Carin van Heerden. Im Zentrum steht bei L’Orfeo die Idee, musikalische Sprache bis in feinste Nuancen auszubuchstabieren, Klangfarben zu differenzieren und Artikulation als Teil einer lebendigen Grammatik zu leben. „Die Glockentöne der Streichinstrumente entsprechen den Vokalen einer Sprache – je schneller zum Beispiel der Bogen gestrichen wird, desto stärker klingt der Ton nach dem Vokal E“, erläutert Michi Gaigg. „Dabei orientieren wir uns bewusst an den Sänger:innen: Der kontrollierte Luftstrom beim Singen entspricht der Bogengeschwindigkeit bei den Streichern und der Luftstromgeschwindigkeit bei den Bläsern – daraus entsteht ein Ensembleklang, der gemeinsam atmet und spricht.“

Was das im Orchesteralltag bedeutet, wird beim gemeinsamen Arbeiten unmittelbar hörbar: Die Streicher formen durch ihre Bogenführung Klangvokale, die Bläser bringen mit Zunge und Luftstrom ihre eigenen Schattierungen ein – stets im Dialog mit dem, was die Streicher vorgeben. „Das Spannende: Wir Bläser können genau beobachten, was die Streicher tun, und übertragen diesen Ausdruck in unsere eigene Sprache“, so Carin van Heerden. So entfalten sich Wechselwirkungen; die Bläser „können diese Glocken mit Innendynamik nachahmen“ – und im Miteinander entsteht ein Gesamtklang, der das Spektrum erweitert und farblich differenziert. Für Carin van Heerden ist diese kollektive Innovationskraft „eine ganz eigene Art, gemeinsam zu denken, zu experimentieren und Musik neu zu erfinden.“

Michi Gaigg setzt als künstlerische Leiterin und prägende Geigerin kompromisslos auf ungefilterten, affektgeladenen Ausdruck – auch an den Außengrenzen des Schönklangs.

„Mir geht es um Affekt, um Wahrhaftigkeit: Ich ermutige auch zum Schroffen, Kratzigen, wenn es die Musik verlangt“, so Gaigg. Nicht selten werden klassische Schönheitsideale bewusst in Frage gestellt. Ein WDR-Tonmeister bemerkte einst: „Da kann man ja von ‚Klangschönheit‘ gar nicht mehr sprechen!“ – für Gaigg und Van Heerden klingt das wie das schönste Kompliment.

Probenarbeit als Labor

Das kreative Labor L’Orfeo lebt von gegenseitiger Inspiration und Durchlässigkeit: Die Verbindung von Streichern und Bläsern war fast vorprogrammiert, so Carin van Heerden, da beide die Freude an klanglicher und rhetorischer Vielfalt teilen. Im Austausch wachsen Artikulation, Farben und Spannung. „Die Bläser erleben beim gemeinsamen Spielen direkt, wie die Streicher Farben setzen – wir antworten mit unserer eigenen Artikulation, mit Atem, Dynamik und manchmal auch einem räudigen, perkussiven Ton.“ Michi Gaigg ergänzt: „Mein Ideal ist das Maximum an Dialog – gegenseitige Aufmerksamkeit und Gestaltungswille, die jederzeit präsent sind.“ So entstehen ständig neue Nuancen und überraschende Perspektiven. Interpretation ist für L’Orfeo kein starres Konstrukt – vielmehr bleibt sie durchlässig: Im Konzert wird die Musik aufs Neue ausgehandelt, bleibt lebendig, offen und voller Risiko.

Diese Haltung prägt nicht nur das Musizieren, sondern auch das Probenklima: Kommunikation heißt, Differenzen auszuhalten, Auseinandersetzung zuzulassen und Resonanz zu erzeugen. Dem gemeinsamen Forschen liegt, so beide Musikerinnen, ein Prinzip zugrunde: ein starkes Vertrauen und eine große Verbundenheit im Ensemble sowie Risiko und Kreativität. „L’Orfeos Kraft kommt aus der Balance von Risiko und Vertrauen, aus Mut zu Vielfalt und Neugier auf das, was daraus entsteht.“

Grenzgänge, Wagnisse, Pluralität

Von Telemann und Rameau über Bach, den galanten Stil sowie die Experimentierfreude der Mannheimer Schule und den expressiven Sturm und Drang bis zu Mozart, Schubert und Mendelssohn reicht das Repertoire – und endet dort keineswegs. „Unsere Liebe für den französischen Barock stammt auch von dieser poetischen Verbindung aus Klangfarben, Sprache und Tanz – das hat uns tief geprägt und die Tür zu Mozart, Haydn und schließlich Schubert geöffnet,“ erzählen Michi Gaigg und Carin van Heerden. „Wenn Musik in der Romantik nicht mehr spricht, sondern gemalt wird, passen unsere Instrumente und unser Ansatz nicht mehr. Doch so lange Sprache und Architektur bestimmend sind, finden wir mit unserem Instrumentarium einen Zugang zur Musik.“

L’Orfeo sieht sich als eine Gemeinschaft, die aus individuellen musikalischen Wurzeln und Biografien ein kollektives Idiom wachsen lässt. „Unsere Internationalität, die Vielfalt von Lebenswegen – genau das ist unser klanglicher Reichtum“, bekräftigt Michi Gaigg.

Instrumente als Erkenntniswerkzeuge, Aufführungspraxis als Experimentierfeld

Historische Instrumente sind für Gaigg und Van Heerden nie museale Reliquien, sondern Werkzeuge forschender Annäherung. „Wir spielen Musik der Vergangenheit immer nur so lange, wie sie zu uns spricht und unser heutiges Denken inspiriert – das ist unser Prüfstein und unser Motor“, betont Michi Gaigg. Dabei dient die historische Aufführungspraxis für beide nie als dogmatisches Fundament, sondern immer als Labor für Grenzgänge und Gegenwart: „Es bleibt immer ein Experimentierfeld. Wir wollen wissen, wie ein Werk klingt, wenn wir die Möglichkeiten und Limitationen des Originals ernst nehmen – aber immer im Hier und Jetzt.“

Kammermusik als Haltung: Das L’Orfeo Bläserensemble

Aus der gemeinsamen Arbeit wuchs 2009 ein eigener Raum für Kammermusik: das L’Orfeo Bläserensemble. Unter der Leitung von Carin van Heerden übertrug es den dialogischen Zugriff des Orchesters in flexible Besetzungen – vom barocken Atem bis zur frühromantischen Farbe, stets mit historischem Instrumentarium. Entscheidend bleibt jedoch der Kern: kammer¬musika¬lische Wachheit, die das orchestrale Denken verdichtet. „Wir wollten die kammermusikalische Herangehensweise des Orchesters in einer tatsächlichen Kammerbesetzung leben“, erinnert sich Carin van Heerden – und genau daraus speist sich heute jener bewegliche Klang, der Linien zwischen Telemann, Harmoniemusik und böhmischer Klassik zieht.

Wissen in Bewegung: Education

Was im Ensemble als Experiment beginnt, wird in der Lehre zum Resonanzraum: Seit 2013 formt das an der Anton Bruckner Privatuniversität von Michi Gaigg gegründete Euridice Barockorchester eine Praxis des Miteinander-Lernens. Stimmführerinnen und Stimmführer von L’Orfeo arbeiten in verschiedenen Projekten immer wieder Seite an Seite mit Studierenden – ein Labor auf Augenhöhe, das Orientierung gibt und zugleich neugierig hält: „Für die Studierenden ist die Zusammenarbeit mit Profis eine große Bereicherung“, so Gaigg resümierend, „und für uns selbst ein nachhaltiger Blick in die Zukunft.“

Immer weiter: Klang als Abenteuer

Was bleibt nach dreißig Jahren? Ein Ensemble, das konsequent auf Dialog, Offenheit und Experiment setzt. „Uns immer wieder selbst zu überraschen – das ist unser Ziel. Jede Probe, jedes Konzert ist ein Experiment, ein Abenteuer, bei dem niemand weiß, wohin es wirklich führt“, resümiert Carin van Heerden. L’Orfeo bleibt ein klangliches Abenteuer, getragen von zwei Visionärinnen, deren künstlerische Partnerschaft beharrlich neue Horizonte erschließt – voller Neugier, Staunen und Lust am Risiko.

Foto (c) wali.pix

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